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Der Schauspieler und der Lügendetektor

Schauspieler lügen und man sieht es nicht

„Mir fehlt die Ehrlichkeit bei deiner Darbietung“, sagt die Lehrerin und Schauspielschüler Tommy nickt beflissen. Dann versucht er angestrengt, sein ehrlichstes Gesicht aufzusetzen. Dabei merkt er, dass er gerade eigentlich gar nicht mehr weiß, wie dieses Gesicht geht.  Er probiert es mit neutral schauen und möglichst wenig blinzeln. Davon fangen jetzt auf einmal seine Augen an zu jucken und in den Mundwinkeln spürt er einen leisen Hauch von Gesichtskrampf sich anbahnen. „Schluss für heute“, sagt die Lehrerin. „Arbeite an deiner Ehrlichkeit.“ Tommy geht ratlos nach Hause. Er kennt sich nicht aus und schaut bei Wikipedia  nach.

 

Was bedeutet Ehrlichkeit

Ehrlichkeit bedeutet schlicht und einfach, dass jemand uns nicht täuscht. Ob jemand ehrlich ist, können wir im echten Leben erst dann wirklich beurteilen, wenn wir sowohl seine Darstellung als auch die Wahrheit kennen und abgleichen können. Da es aber seit unseren  Ururururururururur…großeltern ein entscheidender Überlebensfaktor war, zu erkennen, ob der Vielhaarige, der vor mir steht, es mit mir ehrlich meint oder nicht, haben wir ein recht gutes Sensorium für die Ehrlichkeit entwickelt.  Wir erkennen so manche Täuschung recht gut, auch ohne die Fakten zu überprüfen. Andererseits war es schon zu Vorfahrenzeiten durchaus ebenso von Vorteil, wenn einem selbst die eine oder andere Lüge gelang. So sind wir heutigen Menschen  einigermaßen zu beidem fähig: Zum Erkennen der Täuschung und zum Täuschen selbst.

 

Schauspiel: Die künstlerische Form der Lüge

Und natürlich sind Schauspieler nicht ehrlich. Quatsch mit Soße. Schauspieler geben vor, jemand anderer zu sein. Sie täuschen damit niemanden, und sind absolut rechtschaffen,  denn die Täuschung ist allen bekannt.  Es ist sogar so, dass Schauspieler für Ihre Lügen bezahlt und zuweilen hochverehrt werden. Denn sie haben die Lüge zu einer Kunstform gemacht. Sie ersinnen ganze Leben, Schicksale, Persönlichkeiten, all das, um Zuschauer in ihren Bann zu ziehen und sich an dramatischeren Leben als ihren eigenen zu ergötzen. Oder auch, weil sie die Gesellschaft verändern wollen. Täten sie das im Leben und nicht in der Kunst, würde man bei ihnen eine psychische Erkrankung mit dem wunderschönen Namen Pseudologia Phantastica, eine Erscheinungsform der narzisstischen Persönlichkeitsstörung diagnostizieren.

 

Schauspieler mit langen Nasen

Das Problem mit dem Lügen ist nur: Man merkt es doch allzuoft, wenn jemand lügt. Der Hauptgrund hierfür ist, dass Lügen unglaublich anstrengend sind. Die wenigsten schütteln Lügen einfach so aus dem Handgelenk. Und so manchen Menschen hat ein Leben in Lüge langfristig krank gemacht. Warum ist es anstrengend? Weil die Angst vor dem Entlarvtwerden immer da ist und aktiv unterdrückt werden muss, damit sie keiner sieht, denn genau das würde uns der Lüge überführen? Weil das Gehirn sich Geschichten und Sachverhalte, zu denen man keinen starken emotionalen Bezug hat, nicht gut merken kann und sie immer durcheinanderbringt? Ich weiß es nicht. Aber man sieht die Menschen stocken, die Hände schwitzen, die Finger nesteln, den Körper steif werden, wenn sie lügen. Kommen euch diese Symptome bekannt vor? Dazu kommt, dass echte Emotionen sich nur sehr schwer nachahmen lassen, wenn man sie nicht wirklich empfindet. Das ist dann beispielsweise das uns allen bekannte unechte Lächeln, bei dem die Augen nicht mitlachen. Sehr lehrreich für Schauspielstudenten zu diesem Thema ist die us-amerikanische Serie Lie to me mit   Tim Roth in der Hauptrolle. Bei der Entwicklung der Serie stand niemand anderer als der amerikanische Emotionspsychologe Paul Ekman mit wissenschaftlichem Rat zur Seite. Von ihm wird hier in diesem Blog noch mehrfach die Rede sein.

 

Die besten Lügen sind die, die man selber glaubt

Und jetzt kommen wir langsam zu einem Punkt, der für die Schauspielkunst entscheidend ist: Es gibt aber doch Menschen, die vortrefflich täuschen können. Ich verwende mal ab hier das Wort Täuschen statt Lügen, denn erstens ist es praktischer und zweitens hat Lügen immer gleich so was moralisch Zweifelhaftes an sich, was uns hier nicht interessieren soll, weil wir uns mit Phänomenen und nicht mit Moral beschäftigen wollen. Ganz oft sind das Menschen, die geneigt sind, ihre eigenen Täuschungen zu glauben. Die eine Fähigkeit zur Selbsttäuschung haben. Da ist Hans, der mit voller Überzeugung sagt, dass Conny ihn dazu gebracht hat, sie mit Ellen zu betrügen.  Dass er gar nichts dafür kann, denn Conny war das, weil sie so wenig Zeit hatte. Oder Roswitha, die ständig zu spät zur Arbeit kommt und überzeugend sagen kann, es liegt jedesmal am Verkehr. Diese Fähigkeit haben wir alle, sie ist äußerst nützlich, denn sie hilft uns, vor uns selbst und vor anderen besser dazustehen. Die Psychologen nennen das einen Abwehrmechanismus. Es gibt ein gutes Buch darüber, nämlich The Folly of Fools: The Logic of Deceit and Self-Deception in Human Life von Robert Trivers. Menschen können das also grundsätzlich mal. Und für den Schauspieler ist es ein Werkzeug. Indem man ganz bewusst beginnt, die Dinge anders zu sehen, und daran, so fest es eben geht, zu glauben. Wie stark dieser Glaube tatsächlich sein muss, damit werden wir uns noch beschäftigen.

 

Stanislawski & Sons & Daughters

Und damit sind wir eigentlich bei der frühen Schauspieltechnik Stanislawskis und einem ganzen Strang seiner Nachkommen im Geiste gelandet. Sie versuchen ein psychologisch-naturalistisch-verkörperndes Schauspielen durch die Arbeit an inneren Vorgängen zu erreichen. (M.Tschechow, Strasberg, Meisner, Adler, Kogan,…). Zu diesem Thema möchte ich euch gerne das  Buch des hierzulande wenig bekannten aber ganz großartig radikalen und konsequenten Sam Kogan empfehlen, von dem ich auch das schöne Zitat auf meiner Startseite habe. Das Buch heißt „The Science of Acting“ und beschäftigt sich mit den inneren Vorgängen des Schauspielers (bei psychologisch-naturalistischer-verkörpernder Spieltechnik) aus neurobiologischer Sicht.  Ich werde das Buch  in Kürze hier sehr ausführlich besprechen, und hoffe, dass manche es lesen wird. Denn kurz und drastisch gesagt: Wer Sam Kogan gelesen hat, kann mit dem Stella-Adler-Buch fortan Fliegen totschlagen.

 

Selbsttäuschung ist die halbe Wahrheit

Stanislawski selber ist in seinen späteren Jahren (womöglich aus gutem Grund) von dieser reinen „Glaubens-Lehre“ abgekommen. Und es gibt auch noch einen anderen Strang von Stanislawski-Nachkommen im Geiste, nur eben in einem anderen Geiste gibt, nämlich im Geiste des Von-Außen-nach- Innen-Arbeitens. Das ist vielen nicht bewusst und doch entscheidend in der Sicht auf Stanislawskis Methodik. Auch hiermit werden wir uns noch beschäftigen.  Aber im nächsten Beitrag schließen wir erstmal Hamlet an einen Lügendetektor an.