AllgemeinTheorie

Schauspielerische Energie

Schauspielerische Energie

 

Das arme kleine Wörtchen Energie muss beim Schauspielen für so Manches herhalten. Jeder kennt Sätze wie „Die Energie fließt nicht“, „Das stimmt energetisch noch nicht“, „Versuch es nochmal mit einer anderen Energie“ oder auch positiv: „Hochenergetisches Schauspiel“, „Es ist die besondere Energie, die diese Inszenierung ausmacht“. Der Verdacht liegt nahe, dass dieses Wort zur Verschleierung des Sachverhalts dient, dass man selber eigentlich nicht die geringste Ahnung hat, warum man dieses oder jenes schauspielerische Moment besonders gut oder besonders schlecht findet. Somit wählt man ein Wort, das eine dunkle Ahnung von Tiefgründigkeit hinterlässt, weil es alles bedeuten kann. Das Problem ist nur, dass Begriffe, die alles bedeuten können, letztlich nichts bedeuten. Wir sollten also womöglich den obskuren schauspielerischen Energiebegriff ad acta legen und nach brauchbareren Begriffen suchen.

Andererseits bin ich immer dafür, denen, die Begriffe als Mittel zur Verschleierung verwenden, die Deutungshoheit über diese Begriffe nicht kampflos zu überlassen, sondern ihnen die Begriffe zu enteignen und sie besser zu gebrauchen. Denn scharfe Begriffe schärfen den Blick. Ohne Begriffe, sehr einfach gesagt, sehen wir nur bunte Flecken. Du kannst eine Telefonzelle nur finden, wenn du weißt, was eine Telefonzelle ist.

Und wir können wohl kaum verleugnen, dass Schauspielen etwas mit Energie zu tun hat. Also, schauen wir doch einmal, ob wir nicht eine propere handfeste Definition des Begriffes finden können. Vielleicht sogar eine, die sich, da wir als Schauspieler nicht Wissenschaftler sondern eher sowas wie Ingenieure sind) auch noch als nützliches Werkzeug in der schauspielerischen Arbeit erweisen könnte.

Dafür könnten wir uns als erstes einmal umschauen, ob der Begriff Energie vielleicht weltweit auch hie und da in anderen Disziplinen verwendet wird. Und da landen wir, oha, wer hätte das gedacht, in der Physik.

 

Physik für Schauspieler

Denn Energie ist eine physikalische Größe. Sie kann in verschiedenen Energieformen vorkommen, so etwa als potentielle Energie, als kinetische Energie, als chemische Energie, als elektrische oder auch als thermische Energie. Da wir es beim Schauspielen mit einer Handhabung des gesamten menschlichen Organismus zu tun haben, und hier auch chemische, elektrische und thermische Prozesse ablaufen, spielen letztendlich alle diese Energien für uns eine Rolle. Wir wollen uns aber hier auf die kinetische Energie (und damit zusammenhängend auch auf die potentielle) beschränken, denn das ist der Bereich, mit dem wir am konkretesten zu tun haben.

Energie ist in einer einfachen Definition die Fähigkeit, Arbeit zu verrichten. Das kennen alle noch aus dem Physikunterricht. Kinetische Energie ist Bewegungsenergie. Potentielle Energie ist die Energie, die ein Körper aufgrund seiner Lage in einem Kraftfeld hat. Und die Maßeinheit für Energie heißt Joule. Und beim Menschen? Da verwenden wir meist die Einheit Kilokalorien, umgangssprachlich bekannt als KALORIEN. Und damit sind wir am Punkt. Energie ist die Sache mit den Kalorien. Und sofort weiß jeder, was damit gemeint ist.

 

Schauspielerische Energie ist die Sache mit den Kalorien

Wenn uns also Schauspiel „energetisch“ als besonders gelungen oder besonders schlecht auffällt, bedeutet das, dass es hinsichtlich das stattfindenden Kalorienverbrauchs gelungen oder eben nicht gelungen ist.

Vielleicht ist es hilfreich, wenn wir einen kurzen Looping einlegen, einen Ausflug in die Lehre von den menschlichen Kalorien, bevor wir uns dieser natürlich zentralen Frage zuwenden.

Der Kalorienverbrauch eines menschlichen Körpers setzt sich zusammen aus dem Grundumsatz und dem Leistungsumsatz. Der Grundumsatz sind die Kalorien , die immer verbraucht werden, auch wenn wir nur faul herumliegen. Grober Richtwert: 70% vom Gesamtumsatz, also echt mehr als man so annehmen würde. Sie gehen drauf für die Aktivitäten von Herz, Kreislauf, Gehirn, Organen, für die Wärmebildung, für das Immunsystem, für all das, was rennt, damit wir leben, was offensichtlich echt anstrengend ist. Der Grundumsatz ist von Mensch zu Mensch verschieden, das hängt vom Stoffwechsel ab. Man nennt das auch die Metabolismusrate. Manche Leute verbrauchen also mehr Energie, wenn sie nur rumsitzen als andere sitzende Leute. Vielleicht liegt hierin ja ein Teil des Geheimnisses toller Schauspieler, die so minimalistisch spielen, dass es eigentlich langweilig sein müsste, und trotzdem können wir unseren Blick nicht abwenden. Vielleicht haben sie einfach einen hohen Metabolismus. (Oder es hat was mit ihrer Attraktivität zu tun, oder dass man ihre Emotionen besonders gut lesen kann, oder es geht um Dominanz,… wie bei allen außer den elementarsten Dingen wird es auch hier nicht nur eine Ursache geben. Aber man könnte es sich ja einmal anschauen.)

Der Leistungsumsatz ist das, was an Kalorienverbrauch dazu kommt, wenn wir aktiv sind. Man nennt das auch das „physical activity level“, gemeint ist das gesamte Ausmaß an körperlicher Aktivität. Hinlänglich bekannt ist uns das aus dem Fitnessbereich, wo penibel gezählt wird, wieviele Extra-Kalorien wir durch eine halbe Stunde auf dem Laufband verbraucht haben.

Bei einem Menschen, der ausschließlich sitzt und liegt, beträgt der Leistungsumsatz nur ein paar Prozent vom Gesamtumsatz. Wenn jemand oft sitzt, manchmal ein bisschen rumgeht oder rumsteht, also ungefähr das tut, was wir alle tun,  ist der Leistungsumsatz ungefähr ein Drittel vom Gesamtumsatz. Und nur bei körperlich wirklich anstrengenden Tätigkeiten ist der Leistungsumsatz mehr als die Hälfte vom Gesamtumsatz. Letzteres gilt beispielsweise für Bauarbeiter, Landwirte, Bergarbeiter und Leistungssportler, also für Leute, die es wirklich krass anstrengend haben. Aber gilt es auch für Schauspieler? Und heißt das, wir sollten uns auf der Bühne besser niemals hinsetzen?

Also, was definiert nun „kalorienmäßig gelungen“ oder „kalorienmäßig nicht gelungen“?

Eine naheliegende Vermutung wäre, dass Schauspiel mit hohem Kalorienverbrauch immer besser ist als welches mit niedrigem Kalorienverbrauch. Es gibt manches, was dafür spricht. Denn wir schauen grundsätzlich motivierter, mit mehr Interesse, da hin, wo mehr Kalorien umgesetzt werden. Wir tun das nicht bewusst, es passiert uns einfach, wir reagieren auf Leute, „bei denen etwas los ist“. Wie alle diese elementaren Dinge hat das etwas mit unserer Stammesgeschichte zu tun. Stubenfliegen entwischen blitzschnell, wenn die Fliegenklatsche auf sie zukommt, Mäuse huschen weg, wenn sich irgendwo etwas bewegt, Katzen werden sprungbereit, wenn Mäuse huschen. Das sind die Gründe, warum diese Viecher noch nicht ausgestorben sind. Und da der Mensch ein sehr soziales Viech ist, dafür gemacht, in Gruppen zu überleben, ist es von erheblicher Relevanz für ihn, ob bei jemandem, der sich auf der gleichen Waldlichtung mit ihm befindet, gerade „etwas los ist“, sei es, dass er Gefahr wittert, dass er etwas Besonders Gutes zu Essen hat, oder gerade das  Weibchen bespringt, das einem schon mal ein Kuckuckskind unterjubeln wollte. Es wäre gut, das mitzukriegen. Es wäre dann auch gut, zu verstehen, was da vor sich geht und seine Schlüsse zu ziehen. Aber erstmal muss man es mitkriegen. Und deshalb aktiviert es uns, wenn jemand anderer aktiv ist.

Schaut euch mal dieses Affenvideo an und lest erst dann weiter.

 

Ein Affentheater

Wo habt ihr hingeschaut? Immer da hin, wo am meisten los war? Vermutlich ja. Der Fokus verschiebt sich ständig, wir schauen aber immer da hin, wo gerade am meisten Energie umgesetzt wird. Ein Paradebeispiel für wechselnden Fokus auf der Bühne, wenn das Stück auch zugegeben etwas affig ist. Der spannendste Moment für mich ist der, wo der Schimpanse oben auf dem Felsen den Stock nimmt. Denn plötzlich schaut man nur zu ihm, obwohl er nicht derjenige ist, der sich am meisten bewegt, nein, er macht eine im Vergleich zu dem wilden Herumgespringe der anderen relativ unaufwendige Schwenkbewegung mit dem Stock und schreit nicht mal herum. Wir schauen aber trotzdem zu ihm. Denn was wir hier sehen, ist die Möglichkeit dessen, was passieren könnte: Er könnte von ganz oben herunterspringen, und er könnte mit dem Stock den anderen dermaßen eins überziehen, dass es nicht mehr feierlich ist. Man kann hierüber physikalisch sprechen: Der Körper des Schimpansen oben auf dem Felsen hat potentielle Energie (Lageenergie), ebenso der hoch in die Luft erhobene Stock. Oder wir sprechen psychologisch, und reden davon, dass wir offenbar imstande sind, zu sehen, was noch nicht ist, was hier potentiell geschehen könnte. Oder wir sprechen schauspielerisch, da könnten wir beispielsweise über die Fallhöhe reden. Oder wir sprechen im Sinne des Narrativs: Wenn einer eine Waffe rausholt, wird es spannend.

So, und dann schaut euch das Video nochmal an, und schaut mal, wo die anderen Affen hinschauen. Die schauen auch da hin, wo ihr hingeschaut habt, dahin wo was los ist. Leider sieht man das nur in manchen Momenten, denn auch die Kamera schaut, welch Überraschung, immer nur da hin, wo was los ist, und so sind die Zuschauer-Affen oft nicht zu sehen.

Also, an der Sache mit dem höheren Kalorienverbrauch scheint was Wahres dran zu sein. Andererseits kann das Schauspielen auch genau daran kranken, dass zu viele Kalorien verbraucht werden. Zu viel kann hier heißen: Über einen zu langen Zeitraum. Denn, wie wir hier schon ansatzweise besprochen haben, Menschen reagieren darauf, wenn sich etwas verändert. Wenn ich also einen Monolog von vorne bis hinten  so durchschreie, dass ich Schweißausbrüche kriege, fangen womöglich die Leute trotzdem mit dem Gähnen an, weil es einfach durchgehend das Gleiche ist. Zuviel an Kalorien kann auch heißen: Das Ensemble agiert zu gleichförmig. Wenn alle um dich herum sich einen Wolf spielen, und du seelenruhig kaloriensparend in der Mitte stehst, werden die Leute trotzdem auf dich schauen.

Zuviel an Kalorienverbrauch kann aber auch heißen, dass man seine Energie um des Effekts willen verpulvert, anstatt mit ihrem Potential zu spielen. Eine geladene entsicherte Schusswaffe auf der Bühne kann die Zuschauer mehr in den Bann ziehen als das eigentliche  Rumgeballer (wobei auch das Rumgeballer einen Heidenspaß machen kann) . Darum ist es oft interessanter, Wut zu „deckeln“ (ein sehr brauchbares Schauspielwort, ich habe es von Achim Benning) als einen Wutausbruch zu spielen.

Und dann gibt es noch etwas, das ich schlechten Gebrauch von schauspielerischer Energie nennen würde. Und zwar schlecht im Sinne von unökonomisch im eigenen Körper. Gutes Schauspiel bedeutet ja, dass weite Teile des Organismus des Schauspielers in die Aktivität involviert sind. Der Körper vom Kopf bis zu den Füßen, die Atmung, Kognition, Herzschlag, Emotion,…Das gelingt leider nicht immer, und dann sehen wir jemand, der vor Wut die Fäuste ballt und ein böses Gesicht macht, aber weder Atmung noch Füße sind an der Wut beteiligt. Das erkennt man, wenn man geübt ist, bewusst. Aber viele nehmen das  unbewusst wahr. Das sind dann die Momente, wo wir einem Schauspieler beim Spielen zuschauen, und sehr wohl erkennen, dass Wut gemeint ist, aber wo uns das Spiel nicht berührt. Weil der körperliche Vorgang, auf den wir unbewusst reagieren, einfach nicht stattfindet. Hier wird dann oft zum Schauspieler gesagt: Du machst zu viel. Du machst zu viel mit deinem Gesicht, du machst zuviel mit deinen Fäusten, das ist nicht echt. Das Problem ist, dass es eigentlich nicht zuviel an Energie ist, sondern zu wenig. Denn die Hände verbrauchen Kalorien, das Gesicht verbraucht Kalorien, aber der Körper ist in einem Zustand, als würde er auf dem Sofa liegen und das ist weder interessant noch kann man das mitfühlen, noch ist es glaubhaft, denn bitte wer liegt schon wütend entspannt auf dem Sofa rum.

 

Genau wie im echten Leben?

Nun gibt es aber auch Schauspielformen, wo mancher behauptet, hier werde tatsächlich nur echtes Leben nachgestellt, was ja bedeuten würde, dass die schauspielerische Energie, der schauspielerische Kalorienverbrauch wirklich nur so hoch sein dürfte wie im echten Leben. Man könnte sogar sagen, dass dies ein schauspielerisches Ideal ist, das immer wieder auftaucht. Man könnte das stanislawskische System so interpretieren (auf dem letzten Endes nahezu das gesamte heutige Film- und Fernsehschauspiel basiert) , ebenso wie zeitgenössische Theaterversuche über „wahre Authentizität“, wo ganz normale Menschen auf die Bühne gebeten werden, um etwas über sich zu erzählen (und ich muss gestehen, es bereitet mir gerade äußerstes Vergnügen, Stanislawski und die Authentizitätler in einen Topf zu werfen, das mögen letztere nämlich sicher gar nicht) . Ich habe meine Zweifel, denn allein schon aufgrund der Komprimierung der Realität durch den Text findet in einer Minute Schauspiel viel mehr statt als in einer  vergleichbaren Minute Leben. Um es genau zu wissen, müsste man halt mal den Kalorienverbrauch messen. Ich kann mir aber im Moment nur unter ganz bestimmten Bedingungen vorstellen, dass das kalorienreduzierte Schauspielen funktioniert.

a) Im historischen Kontext: Im Vergleich zu einer anderen Art von Schauspiel wirkt diese Art von Schauspiel lebensecht und hat tatsächlich einen Kalorienverbrauch, der zumindest näher am Lebens-Kalorienverbrauch ist.
b) Der Grundumsatz (oder die Attraktivität oder die Dominanz, …whatever) der Schauspieler ist so hoch, dass sie auch in der U-Bahn ständig angeschaut werden. Dann ist der Kalorienverbrauch zwar für diese Personen tatsächlich der Gleiche wie in ihrem richtigen Leben, aber er ist höher als bei anderen Personen.
c) Der nicht vorhandene Kalorienverbrauch der Schauspieler wird durch tausende von Watt an Scheinwerferlicht wettgemacht, das auf sie geknallt wird.
d) Es ist so hip, dass es einen interessieren muss, wenn man kein Idiot sein will.

Fazit: Gutes Schauspiel, in dem Sinne, dass es imstande ist, Leute zum interessierten Zuschauen und Zuhören zu bringen, hat vermutlich immer etwas mit erhöhtem Kalorienverbrauch zu tun. Wir werden uns noch weiter damit befassen, aber was schließen wir einstweilen daraus? Versucht bitte, so wenig wie möglich zu sitzen, es sei denn, ihr habt einen hohen Grundumsatz oder seht auch beim Sitzen einfach saugut aus. Wenn ihr leider doch sitzen müsst, weil es die Inszenierung so will, sitzt bitte so, dass es anstrengend ist, oder so, dass man jederzeit damit rechnen muss, dass ihr aufspringt. Schreit nicht zu lange herum. Und esst mehr Bananen.

Und sagen wir doch bitte „energisch“ statt „energetisch“. Dann weiß auch jeder, was gemeint ist.