AllgemeinTheorie

Wann ist Schauspielen interessant?

beim Schauspielen schaut man hin, wenn etwas anders ist

Vielleicht ist es ernüchternd, aber Schauspielen gehorcht den gleichen Gesetzen der Aufmerksamkeit wie alles andere auch. Interesse heißt, dass man einer Sache Aufmerksamkeit schenkt. Je mehr (intensiver, länger) man dies tut, umso größer ist per Definition das Interesse.

Was ein Mensch interessant findet, hängt natürlich von seinen Interessen ab. Das ist zwar nahezu ein Karl-Valentin-Satz, aber er stimmt trotzdem. Wenn das Publikum ein Thema interessiert, schaut es sich auch ein schlecht gemachtes, an sich langweiliges Theaterstück dazu mit Interesse an. Darauf können wir aber nicht sonderlich solide bauen. Denn wir sollen ja entscheiden, was wir für interessant halten, für so interessant, dass wir massive Mittel auffahren, um das Interesse des Publikums dafür ebenfalls zu entfachen. Oh, ich liebe theaterutopische Sätze.

 

Der Inhalt vom Schauspielen, der Fortlauf, das simple Dabeisein

Inhalt kann interessant sein. Etwas, worüber man mehr erfahren möchte, ist interessant. Eigentlich heißt „mehr erfahren“ ja lernen. Das hat nur blöderweise bei uns einen im schlechten Sinne schulischen Beigeschmack. Das englische learn nimmt es da entspannter. Wer sich für die Frühgeschichte der Marktgemeinde Untertützling brennend interessiert, wird in einem Vortrag darüber begeistert bis zum Ende ausharren, auch wenn die Vortragende trotz wirklich spannendem Inhalt (Köhlerei in der Bronzezeit) so langweilig und unanschaulich spricht, dass alle anderen einschlafen oder nach Hause zum Fernseher gehen um sich eine Sendung über Monstertrucks anzuschauen. Hiermit werden wir uns noch beschäftigen, weil ich der Ansicht bin, dass die Schauspieler weit mehr  für den Inhalt verantwortlich sind, als ihnen oft bewusst ist.

Der Fortlauf kann interessant sein. Also wenn es einem gelingt, dass in den Köpfen der Zuschauer so etwas entsteht, das wissen möchte, wie es weitergeht, genauer gesagt, wie es endet. Hiermit werden wir uns noch beschäftigen, denn hier geht es um Spannung, die zu generieren zwar sehr stark Buch und Regie obliegt, um die man sich als Schauspielerin aber auch nicht komplett herumdrücken kann. Um eine Verwechslung mit psychischer Anspannung zu vermeiden, verwenden viele dafür das englische Wort Suspense.

Dabeisein kann interessant sein. Wenn man zum kleinen Kreis der intellektuell Auserwählten zählt, die das, was da vorne geschieht, wirklich verstehen, kann einem das ein immenses Hochgefühl verursachen. Hiermit werden wir uns nicht beschäftigen, weil es mich schlichtweg nicht interessiert.

 

Anders Schauspielen ist interessant

So, und jetzt kommen wir mal zu den spezifisch schauspielerischen Interessantheiten. Und die lassen sich erstmal und natürlich viel zu einfach auf einen groben ersten Punkt bringen: Anders ist interessant. Das klingt unglaublich banal, und das haben alle schon gewusst, bevor ich das hier geschrieben habe, nehme ich an. Aber es ist unglaublich hilfreich.  Der Unterschied macht, dass wir hinschauen. In einem leeren Raum ist die Person interessant, die den Raum durchquert, wenn ich mal diese Peter-Brook-Bild von Theater verwenden darf. In einem Raum, wo viele Personen, den Raum durchqueren, ist die Person, die still steht, interessant. Wenn mein Spielpartner schnell ist, ist es interessanter, wenn ich eher langsam bin. Wenn ich gerade laut war, ist es interessant, wenn ich plötzlich ganz still werde. Das sind natürlich alles nur vollkommen sinnfreie Effekte, aber das sind die Momente, wo Theater entsteht. Wo es einem gelingt, dass die Leute hinschauen.

Warum tun die das? Weil die Menschen, die nicht auf Unterschiede reagiert haben, alle ausgestorben sind. Die Vögel sangen im Walde, und dann waren sie auf einmal still. Und dann brannte auf einmal der Wald ringsum. „Haben wir  nicht kommen sehen“, war das letzte, was die Vielbehaarten sagten, bevor sie von den Flammen verschlungen wurden. Ich entschuldige mich für dieses unausgereifte Beispiel.

Die Lehre von den Gegensätzen, also die Dialektik ist nämlich nicht irgendeine Kopfgeburt eines Philosophen, und sie wurde auch nicht von Bertolt Brecht ins Theater eingeführt. Brecht hat mit seinem  dialektischen Theater das Prinzip nur konsequent und weit über das hier Beschriebene hinausgehend als Gestaltungsgrundsatz verwendet. Das hat vermutlich mehr mit dem Theatermann Brecht zu tun als mit irgendwelchen hegelschen und marxistischen Dialektikbegriffen. Dies werden wir hier noch erörtern.

Die Dialektik aber, das Denken in Widersprüchen, gab es schon in der Steinzeit. Mit ihr werden wir uns noch viel beschäftigen, denn sie ist ein äußerst hilfreiches schauspielerisches Hausmittel.

Es gibt natürlich noch ein paar andere Dinge, die interessant sind. Hoher Energieeinsatz zum Beispiel, Kunstfertigkeiten, Schönheit. Und wenn Bindung entsteht, dann muss es auch gar nicht mehr so interessant sein. Gilt für menschliche Beziehungen, und daher auch für unsere Beziehungen zu beispielsweise Seriencharakteren. Beiträge folgen.